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Bits und Bäume: Was für eine Digitalisierung wir jetzt brauchen

Statt immer neuer Leuchtturmprojekte mit hippen Buzzword-Technologien brauchen wir sichere Kommunikation, eine Dezentralisierung der Netze und eine Durchsetzung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Das schrieb Elisa Lindinger in ihrer Rede zum Auftakt der Konferenz Bits und Bäume dem Publikum ins Stammbuch.

Wie soll eine digitale Zukunft aussehen? CC-BY-ND 2.0 TheBetterDay

Elisa Lindinger ist Mitgründerin der gemeinnützigen Organisation Superrr Lab, die sich dafür einsetzt, gerechte digitale Zukünfte zu entwerfen und Wirklichkeit werden zu lassen.

elisa lindinger
Elisa Lindinger bei ihrer „Bits und Bäume“-Auftaktrede.

„Eine andere Digitalisierung ist möglich“ – so hießen die Forderungen (pdf), die das Netzwerk hinter Bits und Bäume 2018 vorgestellt hat. Dieser Satz fasst die Stimmung der ersten Bits-und-Bäume-Konferenz zusammen: hoffnungsvoll, konstruktiv und mit Blick nach vorne.

Heute sind wir vier Jahre weiter, aber nicht annähernd genug vorangekommen. Aus den elf Forderungen aus dem Jahr 2018 sind in der diesjährigen Neuauflage über sechzig geworden. Aus dem hoffnungsvollen „möglich“ wird deshalb immer mehr ein ungeduldiges „nötig“, denn die Notwendigkeit, die Prioritäten des digitalen Wandels zu hinterfragen und radikal neu zu denken, ist längst real und spürbar. Das neue Motto ist folgerichtig: „Eine andere Digitalisierung ist nötig“.

Der Grund für die Ungeduld liegt auf der Hand. Wir stecken mitten in einer Vielzahl von miteinander verwobenen Krisen: die anhaltende Pandemie, der Krieg in der Ukraine und Bürgerkriege und humanitäre Krisen weltweit. Wir sind mitten in einer Rohstoffkrise, die weltweit die Produktion essentieller Güter beeinflusst, in einer Energiekrise, die immer mehr Menschen verarmen lässt, erleben globale Lebensmittelknappheit. All diese Phänomene hängen mit der Klimakrise zusammen, weil sie entweder direkte Folgen des Klimawandels sind oder weil Maßnahmen, die gegen sie getroffen werden, die Klimakrise verstärken.

Wir erleben in Europa auch eine politische Krise. Immer mehr rechte Regierungen lenken die Geschicke ihrer Länder und nehmen Einfluss auf die Politik der EU. Sie machen sich Themen der Nachhaltigkeits- und Umweltbewegung zu eigen, leiten aus ihnen aber völlig andere Erkenntnisse und Empfehlungen ab. Sie legitimieren ihre Agenda der Wohlstandswahrung, der nationalen Abschottung und der Menschenfeindlichkeit damit, dass die Klimakrise ohnehin kaum abwendbar sei. Nils Gilman vom Berggruen Institute bezeichnet diese Pervertierung der Argumente ironisch als Avocado-Politik, die außen saftig-grün daherkommt, aber innen einen harten braunen Kern besitzt.

Die Rolle der Digitalisierung

Wir stolpern also von einer Krise in die nächste oder stecken, wie die Vereinten Nationen es formulieren, schon längst in einer „Megakrise“. Dass es während dieser Krisen ein Weiter so geben kann oder dass es einen gelobten Status quo gibt, zu dem wir zurückkehren können, scheint immer unwahrscheinlicher.

Unser Verhalten haben wir aber nicht angepasst. Noch immer tun wir so, als könnten wir mit kleinen Änderungen den Krisen wirksam begegnen. Und dabei ist es gerade die Digitalisierung, die auf sehr unterschiedliche Art als Hebel gesehen wird, die Krisen irgendwie doch noch abzuwenden oder abzuschwächen. Welche Rolle Digitalisierung aber genau spielen soll, dazu gibt es zwei sehr unterschiedliche Perspektiven.

Zum einen ist da das Lager, das fest daran glaubt, dass die digitale Transformation der Schlüssel schlechthin ist, um durch die „Megakrise“ unbeschadet zu navigieren. Eine zentrale Rolle in dieser Vorstellung ist die sogenannte „Künstliche Intelligenz“. Sie soll es Wirtschaftsunternehmen ermöglichen, Produktionsprozesse und Ressourcenverbrauch effizienter zu steuern und so minimales CO2-Einsparpotenzial zu erkennen. Auch die Blockchain-Technologie wurde in den letzten Jahren als das Heilmittel beispielsweise für die Tranzparenz von Lieferketten gehandelt. Hier hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt.

Aber Technologie kommt tatsächlich zum Einsatz, um unbeschadet durch die Krisen zu navigieren – oder genauer, damit wir hier in Deutschland und Europa „unbeschadet“ bleiben: Wir rüsten an den Außengrenzen Europas technologisch auf und versuchen im geopolitischen Klein-Klein krampfhaft, unseren Wohlstand zu verteidigen – unseren Wohlstand, den wir auf Kosten anderer erworben haben.

Innovationsdenken ist in der Politik prävalent. Die Idee, dass wir uns mit digitalen Mitteln aus der Klimakrise „herausinnovieren“ können, wenn wir der Wirtschaft nur genug Spielraum geben, schadet der Digitalisierung und kostet wertvolle Zeit, die wir brauchen, um die Auswirkungen der Klimakrise noch abzumildern.

Bei den Ursachen ansetzen

Aber natürlich kommt auch umfassende Kritik an der Digitalisierung, weil sie die Klimakrise befeuert, im wahrsten Sinn des Wortes. Die Auswirkungen sind natürlich real – zumindest soweit wir das abschätzen können. Viele Studien versuchen, den CO2-Fußabdruck oder den Wasserverbrauch von Rechenzentren zu erfassen. Sie scheitern aber daran, dass belastbare Zahlen dafür oftmals fehlen.

Selbstverständlich hat das Internet einen hohen Ressourcenverbrauch. Aber statt hier systemisch und bei den Verursachenden anzusetzen, wird die Verpflichtung oft auf uns als Individuen und auf unsere individuellen Entscheidungen abgewälzt. So stieß Digitalminister Volker Wissing ernsthaft eine Debatte darüber an, wie klimaschädlich es wäre, auf den sozialen Netzwerken Essensfotos – #foodporn – zu verbreiten.

Schon Jahre zuvor versuchte das Shift Project, den CO2-Verbrauch von Videostreaming-Diensten zu erfassen. Die ermittelten Zahlen stellten sich bei kritischer Überprüfung als viel zu hoch heraus. Dennoch hält sich hartnäckig die These, dass Streaming-Dienste zu den großen Übeltätern gehören.

Diese Art der Ablehnung von digitalen Technologien verkennt nicht nur die Realität, sie führt auch nur zu einem Flickenteppich an Einzelmaßnahmen mit geringem Einsparpotenzial statt zu systemischen, weitreichenden Veränderungen.

Eine andere Digitalisierung ist nötig – aber welche?

Trotzdem ist Technik zentral für gesellschaftlichen Austausch, demokratische Meinungsbildung, Wahrnehmung von Chancen, Zugang zu Wissen, für globale Bewegungen. Das illustriert ein aktuelles Beispiel: Im Iran zeigt sich die Bedeutung von digitaler Technologie – ganz unprätentiös auf Infrastrukturebene. Netzsperren und Zensur sind dort Mittel staatlicher Unterdrückung. Zehntausende Ehrenamtliche in der ganzen Welt tragen dazu bei, solche Sperren zu umgehen. Möglich macht das die Browser-Erweiterung Snowflake, die vom Tor Project entwickelt wurde.

Netzsperren gibt es nicht nur im Iran, sondern sie sind ein globales Problem. Staatliche Akteure tragen dazu bei, dass Technik unsicher bleibt. Wir sind weiter denn je davon entfernt, die vielgerühmte Offenheit, Gestaltbarkeit und Internationalität zu erreichen, die uns das frühe Internet mit dem „global village“ versprochen hat. Das gilt auch in Deutschland: Teile der Klimabewegung wie Ende Gelände landeten im Verfassungsschutzbericht. Das öffnet digitaler, staatlich sanktionierter Überwachung einer ganzen Generation Tür und Tor.

Was für eine Digitalisierung brauchen wir jetzt also?

Es geht nicht um Leuchtturmprojekte und nicht um vermeintliche Spitzentechnologien, sondern um sichere Kommunikation, um Dezentralisierung von Netzen und um das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es geht nicht um europäische Daten- und Innovationsräume, die in der Denke des letzten Jahrhunderts stecken bleiben und glauben, wir können weiterhin unseren Reichtum mehren, während die Länder der globalen Mehrheit den Schaden unseres Handelns davontragen.

Wie wir den multiplen Krisen begegnen müssten, wissen wir doch eigentlich: durch globale Allianzen, durch eine systemische Betrachtung und Bekämpfung der Probleme und indem wir endlich partnerschaftlich handeln statt egoistisch. Wir brauchen schonungslose Ehrlichkeit uns selbst gegenüber, gerade in Ländern wie Deutschland, die zu den Verursachern der Klimakrise gehören.

Was sehen wir stattdessen: eine Verkleinerung der Debatte, in der wir uns in Details verlieren und kleine Verbesserungen in einer Gesamtlösung erzwingen wollen, auch wenn die Gesamtlösung längst zum Scheitern verurteilt ist. Für den Digitalbereich bedeutet das: Wir fokussieren immer noch auf strategische Autonomie, statt auf strategische Partnerschaften in der Welt zu setzen. Wir erträumen eine digitale Souveränität statt eine breite Allianz für sichere Basistechnologien und belastbare Infrastrukturen.

Hier und heute werden die Standards geschrieben, die über die nächsten Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte die Grundregeln des Internets setzen. Aber spielt da Nachhaltigkeit oder der CO2-Fußabdruck eine Rolle? Versuchen wir, unsere herbeibeschworenen, aber weitgehend undefinierten „Europäischen Werte“ in den Grundbausteinen digitaler Technologien zu verankern? Viel zu wenig.

Was jetzt zu tun ist

Es gibt genug Herausforderungen, die vorausschauendes Handeln, mutige Visionen und vor allem Ehrlichkeit erfordern. Und solche Visionen zu finden, ist gar nicht so leicht. Der Zukunftsforscher Geoff Mulgan nennt das die „Crisis of Imagination“, in der wir gerade stecken. Wir können uns vielleicht technologischen Fortschritt vorstellen, aber keine grundlegend andere Welt. Der nötige grundlegende Wandel macht uns Angst, weil wir wissen, was wir dafür aufgeben müssen. Wir wissen, was wir verlieren werden – aber wir können jetzt noch gar nicht absehen, was wir gewinnen können, wenn eine andere Zukunft Wirklichkeit wird.

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In der Politik hören wir in immer mehr Bereichen, dass wir einen Ansatz der vielen Perspektiven, einen feministischen Ansatz brauchen. Die feministische Außenpolitik ist inzwischen bekannt, aber dabei kann es nicht bleiben. In der Digitalstrategie (pdf) steht nun die feministische Digitalpolitik, mit der sich die Bundesregierung auseinandersetzen will.

Wenn wir diesen Ansatz ernst nehmen, dann bedeutet das, Digitalisierung mit völlig anderen Prioritäten und Zielen umzusetzen, als das bisher geschieht: Er stellt die Wahrung von Grundrechten in den Mittelpunkt, steht für Transparenz, Mitgestaltung und Zukunftsfähigkeit. Im Sinne einer feministischen Digitalpolitik ist Technologie kein Allheilmittel, sondern ein Mittel, um sozialpolitische Ziele zu erreichen. Sie evaluiert gesellschaftliche Ungleichheiten und zeigt Chancen auf, wie wir diese Geschichte werden lassen können.

In dieser holistischen Sicht klingen die Visionen an, die wir so dringend brauchen. Wenn wir uns nicht im Klein-Klein der Maßnahmen verlieren, wenn wir uns nicht den einfachen Extremen, der Technikgläubigkeit oder der Maschinenstürmerei hingeben, dann können wir sie Wirklichkeit werden lassen und die Digitalpolitik gestalten, die wir dringend brauchen.


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